Die Glocke in der freien Kunst

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Mehrfach durfte der Verfasser bereits Künstlerinnen und Künstler[1] beraten und begleiten, die sich mit dem Instrument und dem Objekt Glocke in der freien Kunst auseinander gesetzt haben. Zeit über dieses Thema einmal zu schreiben.

 

Glockengießerei mit angeheiztem Gußofen
Die Glocke als eigenständiges Kunstwerk

Die Glocke ist per se bereits ein Kunstwerk – ein klangliches Kunstwerk, welches auch ihrer Hauptaufgabe entspricht. Die Kunst des Glockengießens und damit die Entstehung einer Glocke folgt einer jahrtausenden alten Tradition kunsthandwerklichen Könnens. Mit ihrem stetigen musikalischen Wandel ist die Glocke zudem Ausdruck einer fortwährenden künstlerischen Auseinandersetzung des Menschen mit diesem Instrument. So hat die Glocke durch und mit den verschiedensten Kulturkreisen musikalische Metarmorphosen von erstaunlicher Breite erfahren. Die vielfältigsten und vermutlich auch wichtigsten in Europa, geprägt durch den christlich-okzidentalen Kulturkreis und der darin sich entwickelnden Verwendung der Glocke als liturgisches Instrument. Natürlich dürfen auch nicht die Kulturkreise unerwähnt bleiben, die die Glocke schon weit vor dem europäischen Kulturkreis kannten und nutzen, etwa in Nord- und Südamerika mit den Hochkulturen der Mayas, Inkas und Azteken oder auch dem afrikanischen Kontinent in Form von Schellen und Rasseln, allem voran aber der frühe asiatische Kulturraum mit dem Ursprungsland der durch ein Gießverfahren hergestellten Glocke, China.

 

Künstlerische Auszierung der Glocke

Es ist aber nicht nur die Glocke als Instrument die zu beeindrucken vermag. Die Glocke wurde bereits in ihrem Ursprung als ein solch wertvolles Instrument geschätzt, dass sie auch künstlerisch ausgeziert und die Stellung als klangliches Unikat damit nochmals überhöht wurde, um die Aussagekraft zu steigern. So wurden beispielsweise die ab dem zweiten Jahrtausend vor Christus in China hergestellten Glocken mit einem charakteristisch reichen und plastischen Dekor verziert. Neben symbolischen Ornamenten findet man unter anderem Darstellungen von Tieren und Fabelwesen auf diesen Instrumenten.
In Ägypten des 9. bis 6. Jahrhunderts vor Christus wurden Glocken nicht nur in verschiedenen Werkstoffen hergestellt, wie Bronze, Ton, Silber oder auch Gold, sie dienten auch als Schmuck, etwa an Hals oder Handgelenk als glücksbringendes Amulett.

Ritualglocke zhong. Provinz Shaanxi, Späte Westliche Zhou-Dynastie (um 850–771 v. Chr.) Los Angeles County Museum of Art, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Zier auf europäischen Glocken dagegen entwickelte sich zu Beginn zunächst sehr zurückhaltend. Früheste Instrumente trugen noch keinerlei Zier. Die ersten aufkommenden Zierelemente bildeten Stege und Wülste zur Gliederung des Glockenkörpers sowie Stäbe, ausgeführt als Seil-, Perl- oder auch Rundstab, und kleine Ornamente wie beispielsweise Kreuze. Ab dem 12. Jahrhundert finden wir auf europäischen Glocken erste figürliche Darstellungen, kleine Reliefs, die Motive aus der christlichen Ikonografie zeigen. Glockengießer nutzten ab dem 15. Jahrhundert Model von Ornamentbändern mit Motiven die anfänglich aus der mittelalterlichen Pflanzensymbolik stammten. Eine besonders frühe Form der Glockenauszierung ist die Technik der Ritzzeichnung. Hierbei sind jedoch unterschiedliche Qualitätsabstufungen zu finden – von laienhaften Arbeiten bis zu einer beträchtlichen Anzahl von Werken, die auf der Höhe der jeweiligen zeitgenössischen Kunstentwicklung stehen und von einem eigens beauftragten Künstler – zumeist Bildhauer oder Maler – gefertigt wurden. Auch heute noch findet diese künstlerische Darstellungsform gelegentlich bei Glockenzieren ihre Anwendung. So verschmelzen bis in die Gegenwart Glockenform, Glockenklang und Glockenzier zu einem harmonischen Gesamtkunstwerk.

Glockenritzung der großen Glocke der Nikolaikirche Quedlinburg aus dem Jahr 1333
Glockenritzung auf der großen Glocke der Nikolaikirche Quedlinburg aus dem Jahr 1333
Glocken als Symbol und Signet in der bildenden Kunst

Glockendarstellungen haben bereits in vielerlei Bereichen der Kunst ihre Spuren hinterlassen und tun dies selbstverständlich auch weiterhin. Wir finden sie beispielsweise in der Malerei, Grafik oder auch Plastik. Frühe künstlerische Darstellungen von Glocken, meist als Musikinstrument, begegnen uns etwa um das 9. Jahrhundert auf irischen Steinplastiken auf denen Wandermönche mit einer Glocke abgebildet sind oder auch auf Glockendarstellungen in der frühmittelalterlichen Buchmalerei.
Zahlreiche Umsetzungen des Themas Glocke in der Kunst hat es bereits gegeben wie vorgestellt wurde. Bisher zu wenig findet die Glocke allerdings Gebrauch in der freien Kunst.

Plastik „Glockenbaum“ (1974/1975) von Gernot Rumpf in Mainz. Symposiarch, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
Die Glocke als Objekt und Instrument in der freien Kunst

Wie eingangs beschrieben, durfte der Verfasser schon mehrfach Künstler unterstützen, die sich mit der Thematik Glocke in ihren Werken auseinander gesetzt haben. Vereinzelt fand die Glocke dabei auch Einzug in den Bereich der freien Kunst. Nun werden einige verwundert fragen: Kann man das? Darf man das? Was soll dies bringen? Ja, man kann, darf und sollte selbstverständlich auch das Objekt – als alleinige Reduktion auf die Form – bzw. das Instrument Glocke, auch wenn es oftmals in erster Linie mit religiösen Assoziationen verbunden ist, zum Gegenstand in der freien Kunst machen!

Installation
Installation „Memento“ (1996) mit Glocken von Szanyi Péter in Dunaújváros (Ungarn). Globetrotter19, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

 

Wie wir bereits gesehen haben, ist die Annäherung an die Glocke überaus vielfältig, so auch in der freien Kunst. Ein Gebrauchszweck für das Objekt Glocke muss dabei nicht zwingend im Vordergrund stehen. Ein Objekt darf auch durchaus alleinig der Anschauung, ästhetischen Erfahrung oder des Erlebens dienen. Das nutzlos Schöne bzw. manchmal auch Nicht-Schöne hat insofern gleichfalls seine Berechtigung in der Kunst.

Selbstverständlich sind mit dem Objekt und Instrument Glocke bei uns Menschen bestimmte Vorstellungen und Kontexte durch erlerntes Wissen bzw. Erfahrungen verbunden. Gerade die Kunst hat hierbei aber die Aufgabe solche Denkmuster zu durchbrechen und neue Kontextualisierungen zu suchen und aufzubauen.
Neue Kontextualisierungen zu schaffen kann dabei nur eine mögliche künstlerische Form der Auseinandersetzung sein. Andere Formen können die Verwendung nicht erwartbarer Werkstoffe sein, die Schaffung von Interventionen an unvorhergesehenen Aufstellungs- bzw. Begegnungsorten oder auch ein Effekt der Verfremdung sowohl vom Objekt als auch vom Instrument her betrachtet. Auch die Schaffung neuer klanglicher Erfahrungen mit dem Instrument Glocke sind hierbei denkbar. So gehören perkussive Erlebnisse jeglicher Form genauso dazu wie auch die bewusste Gegenüberstellung von Klang und Nicht-Klang, denn auch das bewußte Schweigen ist Form der Kommunikation mit dem Gegenüber.
In diesem Zusammenhang sei exemplarisch auf den Musiker, Komponisten und Künstler Beat Jaggy verwiesen, der durch seine Reihe carillon plus schon einige aufsehen erregende Konzerte durchgeführt hat. So schaffte er es immer wieder mit unterschiedlichsten Klangansprachen an der Glocke neue Hörerfahrungen hervorzubringen und dabei das Instrument Glocke unter anderem mit Sprache und zunächst fremdartigen Instrumentierungen in neue und faszinierende Klangbilder zu übersetzen.

 

Bericht des Schweizer Fernsehens über ein carillon plus Konzert

 

 

Die wohl jüngste künstlerische Arbeit im Zusammenhang mit dem Objekt Glocke ist das Werk unter dem Titel „Glocke“ des Künstlers Lukas Heerich, den der Verfasser bei dieser Arbeit unterstützen durfte. Die Arbeit wurde im Herbst 2020 in der Ausstellung L’Esprit im Portikus in Frankfurt am Main gezeigt. Es handelt sich dabei um eine raumgreifende Installation, die sich mit industriellen und kommerziellen Techniken beschäftigt, um das Zusammenspiel von Funktion und Ästhetik zu untersuchen. „Materialien wie Gummi und Stahl werden an ihre semantischen Grenzen gebracht und erinnern an die Ästhetik des computergestützten Designs und der Massenproduktion, aber auch an Fetischutensilien. Gegenüberstellungen enthüllen eine Gesellschaft, deren kodierte Wünsche zu den haltbaren und anpassungsfähigen Materialien führen, die er einsetzt. Ikonenhafte Formen erhalten eine neue Bedeutung in seiner glänzenden, seriellen Melancholie“ (zitiert aus dem Text zur Ausstellung). Die Arbeit kann auf der eigens für die Ausstellung geschaffenen Internetseite unter https://lesprit.online/ eingehend betrachtet werden. Einen Film vom Aufbau der Ausstellung finden Sie unter folgendem Link (Werk „Glocke“ ab Minute 1:12).

 

Ausstellung L’Esprit im Portikus zu Frankfurt am Main

 

Eine weitere künstlerische Arbeit zum Thema Glocke ist erfreulicherweise bereits durch einen US-amerikanischen Künstler in der Entstehungsphase. Der Verfasser darf mit seiner Expertise auch an dieser Arbeit, die ab April 2021 in Zürich zu sehen sein wird, mitwirken. In einem gesonderten Beitrag wird darauf noch explizit eingegangen werden.

 

Künstlerische Auseinandersetzung mit der Glocke lohnt

Der Verfasser erhofft sich mit dieser kurzen Einführung Denkanstöße an Künstlerinnen und Künstler weiterzugeben, sich mit dem Objekt und dem Instrument Glocke kreativ auseinanderzusetzen. Aus persönlicher Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Kunstschaffenden kann der Verfasser ein überaus positives Resümee aus diesen Arbeiten ziehen. Sowohl beteiligte Künstler als auch Betrachter, Hörer, Kritiker durften sich immer wieder auf neue und spannende Sicht- und Hörweisen einlassen. Daher ermutigt der Verfasser alle Kunstschaffenden, sich dieses besonderen Themas auch weiterhin für die Kunst anzunehmen und diesem nachzuspüren.

 


[1] Im Weiteren Verwendung des generischen Maskulinums.